Der Krieg der Formate
Von Tobias Topyla in der Kategorie "Wirtschaft - Aktuell" am 16.01.2007 veröffentlicht.
Oder wie Pornographie die Welt erobert. Nachdem sich mehrheitlich ein entschärfter Formatkrieg zwischen DVD+R/RW...
... und DVD-R/RW abzeichnet, geht der Kampf um die "Scheibe der Zukunft" nach wie vor weiter. In Zeiten rascher technischer Entwicklung stoßen selbst Formate wie DVD an ihre Grenzen. Seit Jahren planen Industriegiganten ihre Standard-Lösungen für ein gemeinsames Sachproblem - ein Massenspeichermedium für jedermann, dass die vorherige Generation übertrumpft. Jene Pläne sehen jedoch vor, dass - wie man es bereits aus der Vergangenheit kennt - eine völlige Vernichtung des Konkurrenzsystems stattfindet um sich möglichst früh einen großen Marktanteil zu sichern. Marktreife haben allmählich beide Nachfolgesysteme der DVD erreicht, namentlich Blue-ray Disc und HD DVD. So verwundert es auch nicht weiter, dass die wirtschaftliche Auseinandersetzung zwischen den Anbietern der beiden Systeme im Moment einen bisherigen Höhepunkt erreicht.
Die Blue-ray Group, bestehend aus Branchengrößen wie Apple, Dell, Sony, Samsung, Panasonic, Pioneer, Philips, Thomson, LG, Sharp und Hitachi tritt gegen das "AOD"-Konsortium (Advanced-Optical-Disc) an. Jener Zusammenschluss hat nicht minder beeindruckende Mitglieder wie Microsoft, Intel, IBM, Time Warner, NEC, Toshiba und HP. Beide Formate sind sich aus technischer Sicht sehr ähnlich, immerhin verwenden beide Konzepte einen blau-violetten Laser mit 405 nm Wellenlänge dem die Blue-ray Disc auch ihren Namen verdankt. Dennoch sind beide Systeme nicht ohne weiteres miteinander kombinierbar wie es mittlerweile bei DVD+R/RW und DVD-R/RW der Fall ist. Möglich macht dies das gemeinsame "AACS" (Advanced-Access-Content-System) das als Kopierschutz für das digitale Rechtemanagement eingesetzt wird. Zwar unterscheiden sich beide Formate aus physikalischer Sicht sehr wenig (Beiden sollen mehr oder weniger 50 GIB Fassungsvermögen mit mehreren Schichten erreichen) - jedoch sind die gespeicherten Daten in soweit verschlüsselt (AES-128), dass ein Abspielen einer HD DVD wohl niemals auf einem Blue-ray Laufwerk - et vice versa - möglich sein wird.
Die Wirtschaftsgeschichte kennt jedoch bereits ein ähnliches Szenario. Wie schon Mark Twain - ein schreibender und überaus sympathischer Zigarrenraucher - zu sagen pflegte: "Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich".
Erinnerungen werden zumindest bei jenen wachgerufen, die ihrerseits in den späten 1970ern und frühen 1980ern den Formatkrieg zwischen VHS, Betmax und später Video2000 erlebt haben. Schließlich besagt ein Sprichwort aus dem Volksmund, dass sich derjenige, der sich nicht an die Geschichte erinnert auch dazu verdammt ist sie zu wiederholen. VHS erlang den Siegeszug vornehmlich deshalb, weil zum einen das System von vornherein unterschätzt wurde und zum anderen, weil alle Content-Provider für VHS von Anfang an unterstützt wurden. Bereits zum Marktstart loteten Pornographie-Produzenten die Möglichkeiten des neuen Formats aus und erkannten schnell, dass hier eine im wahrsten Sinne des Wortes unbefriedigte Zielgruppe aufwartet. Der religiöse Philips-Konzern erlaubte hingegen jedoch keinen Vertrieb von Pornographie im Video2000-Format. Dies und die früher ausgebaute Vormachtstellung von VHS ermöglichten den Siegeszug quer durch die kompletten 1990er.
Eine ähnliche Situation ist im Moment beim aktuellen Formatkrieg abzusehen. Der Sony-Konzern, der seine Playstation 3 mit einem Blue-ray Leselaufwerk ausstattet, möchte Kunden auf dem prüden US-Markt scheinbar versichern, dass Kinder die eine solche Spielkonsole besitzen, sich nicht in der Lage befinden darüber Pornographie-Inhalte abzuspielen. Brutale "Killerspiele" sind hingegen - so der bisherige Eindruck - kein Problem. Zumindest berichtet die Pornographie-Industrie von Problemen mit der Blue-ray Group - so sollen die begrenzten Produktionskapazitäten vornehmlich zu Gunsten anderer Kunden verwenden worden sein. Zusätzlich wirft die Pornographie-Industrie der Blue-ray Group künstlich überhöhte Produktionspreise und keine neutrale Geschäftspolitik vor. Allem Anschein nach entscheidet die Pornographie-Industrie erneut über das Format der Zukunft. Bisherigen Aussagen nach steht die Ampel für HD DVD auf grün, immerhin sind entsprechende Geräte bereits jetzt schon in Relation zu Blue-ray Abspielgeräten weit verbreitet. Ein zusätzlicher Pluspunkt seien die günstigeren Preise bei der Medienproduktion und ein weniger starker Kopierschutz in der Endkundenversion der die Handhabung erheblich erleichtert. Bill Gates Aussagen zu Blue-ray sind vernichtend, so sei seiner Ansicht nach das System nicht zu Ende gedacht und zu kompliziert. Ist Blue-ray jedoch tatsächlich unausgereift?
Bild: Die Blue-ray Disc trotz stärkerer Schirmherren im Nachteil.
Im Moment scheint es so, als werde die HD DVD - trotz des geringeren Fassungsvermögens von 15 GIB statt 25 GIB (Blue-ray) in der Single-Layer-Einsteigervariante - ein Durchschlagender Erfolg. Der Einzug als Speichermedium für Software auf dem PC (Microsoft, Intel, IBM, HP) und als Spielfilm-Format (Time Warner, NEC, Toshiba) reicht alleine schon um eine erhebliche Marktpräsenz zu erreichen. Alleine die Vorstellung, dass Microsoft ein Laufwerk nach HD DVD Standard als Vorgabe für den zukünftigen Einsatz seiner Betriebssysteme fordert, dürfte dazu führen, dass selbst wenn keinerlei sonstiger Gründe für HD DVD sprechen, dennoch HD DVD zu einer probaten Lösung werden würde.
Hinter vorgehaltener Hand wird jedoch im Moment IPTV als großer Sieger gefeiert. Damit wäre die Frage nach dem Format nämlich geklärt. In Anbetracht des Erfolgs von Musikplattformen wie Apples iTunes und der damit zusammenhängenden Zahlungsmoral für digitale Inhalte, ist es denkbar, dass nach VoIP nun das Zeitalter des TVoIP - oder auch IPTV - beginnt. Die hierfür benötigte Anbindung ans Netz ist zwar noch nicht flächendeckend "gelegt", es ist jedoch absehbar, dass der von Bill Gates erträumte Information-Highway zunehmend Gestalt annimmt (Vgl. Der Weg nach vorn. Die Zukunft der Informationsgesellschaft, Bill Gates, Hoffmann-Campe-Verlag).
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